Donnerstag, 4. Dezember 2014

Oje, ich lerne! Von den acht Sprüngen in der mentalen Entwicklung einer Mama



Ich kenne fast niemanden, der das Buch oder die App "Oje, ich wachse!" nicht hat. Und ganz selbstverständlich werfe auch ich hin und wieder einen Blick hinein, um zu sehen, wo „wir denn gerade stehen".  Ehrlich gesagt, über manche Passagen muss ich einfach nur schmunzeln.
"Von nun an besteht die Gefahr, dass Sie ihr Baby verwöhnen" steht da auf Seite 254 zum Sprung Kategorien. So, und jetzt? Wann soll eine (noch recht) frischgebackene Mama denn wissen, ob der Nachwuchs nur Theater vorspielt oder vielleicht doch etwas anderes ist? Den eigenen Erziehungsstil zu finden ist und bleibt für mich eine große Herausforderung.  Meine ganz persönlichen acht Sprünge diesbezüglich kann ich wie folgt beschreiben:

1. Die Welt der Tränen
Dass es gut für die Lunge sei, wenn ein Baby schreit, habe ich zur Genüge gehört. Für mich ist das völliger Quatsch. Wenn der acht Wochen alte Theo schreit, dann hat das einen Grund.  A: Volle Windel, B: Hunger, C: Bauchweh, D:  Müdigkeit. Fürs Erraten gibt es weder  Joker noch den Millionengewinn, aber  vielleicht etwas mehr Ruhe im Hause R.  (Hier geht's zum Videojoker)

2. Die Welt der Sauger
Ich weiß nicht wie oft meine Hebamme mich darauf hingewiesen hatte, ich solle doch den Einsatz des Schnullers tunlichst vermeiden und lieber meinen kleinen Finger als Sauger anbieten. Hallo? Soll in der freien Zeit, die anfangs neben Stillen, Spuck-Wäsche-Waschen und schnell nen Happen essen noch bleibt, mein kleiner Finger ernsthaft als Sauger herhalten? Ganz ehrlich, das kommt gar nicht in Frage. Auch wenn Theo manchmal an seinem  Daumen lutscht, ist es für mich nicht der Weltuntergang. (Ich muss da an eine Mama denken, die ihre Tochter lautstark schimpfte, wenn sie sich den Daumen in den Mund steckte). Ich finde das nicht schlimm. Hauptsache,  Theo kann sich beruhigen. Ist doch super, wenn er das auch manchmal ohne mich schafft, oder?

3. Die Welt der schlaflosen Nächte
„Jedes Kind kann schlafen lernen"  - wohl eines der umstrittensten Bücher, die es zum Thema Schlafverhalten bei Kindern gibt. Wie oft haben mein Mann und ich uns vor Theo`s Geburt gesagt: „So machen wir das auf keinen Fall, wenn Theo da ist", oder „also wenn wir mal ein Kind haben, dann läuft das ganz anders"…bla bla bla. Heute wissen wir es besser.  Jedes Kind ist anders und jedes Kind hat eigene Schlafgewohnheiten, die sich mindestens so schnell verändern können wie unser Milchpulvervorrat.  Theo schläft meistens in seinem eigenen Bett ein. Manchmal weint er und manchmal nicht. Ja, und manchmal darf er auch bei uns schlafen. Weil es so schön ist. Und nicht nur für Theo ;-)

4. Die Welt der Gourmets
Einführung der Beikost. Ein nettes Schlagwort, das sicherlich bei vielen von uns nette Erinnerungen hervorruft. Vom karottenverschmierten Lieblingsoberteil über den genüsslichen Pruster quer über den Parkettboden bis zur Essensverweigerung mit dicksten Krokodilstränen und der Folge eines in Lichtgeschwindigkeit servierten Milchfläschchendesserts haben wir alles mitgemacht.  Anfangs hielt ich mich noch so gut es ging an die Vorgabe, unserem kleinsten Gourmet drei Breimahlzeiten täglich zu servieren. Mehr und mehr wurde mir klar, dass das zu unserem Theo nicht wirklich passt. Lesson learned: höre auf Dein Kind, und wenn es abends mal lieber die Flasche nimmt, weil jeder Löffel Brei nur noch Anstrengung pur ist, dann gibt es sie eben. 

5. Die Welt der Konsequenz
Bin ich IMMER konsequent? Nein. Aber grundsätzlich bin ich es. Zum Beispiel gelten bei uns klare Regeln zum Thema Einschlafen im eigenen Bett  oder Ernährung. Aber sind es nicht auch diese kleinen Ausnahmen, die das Kuscheln im Elternbett und das Probieren des Käsekuchens  für unseren Nachwuchs so besonders machen? Wir halten uns zu 99% an unsere Regeln, aber es gibt eben durchaus auch Tage, an denen wir es nicht so genau nehmen.  Das genießt der kleine Theo, er scheint zu merken, dass dieses eine Prozent etwas Besonderes ist und grinst dann manchmal so als würde er uns sagen wollen: „Cool, dass ihr heute mal eine Ausnahme macht!"

6. Die Welt der Verbote
Kaum hat Theo damit begonnen, unsere Wohnung robbend zu erkunden, fingen wir mit der „Babysicherung" an. Das war auf jeden Fall sinnvoll – kein Kabel, keine Steckdose ist mehr vor unserem kleinen Rabauken sicher. Wenn ich allerdings immer alles verbieten würde, was er nicht anfassen soll, dann würde ich den ganzen Tag in der Dauerschleife NEIN sagen.  Mein Ansatz: wenn ich etwas verbiete, gibt es einen Ersatz dafür. Das heißt: ohne großes Diskutieren weg von der Steckdose hin zum Lieblingsbuch oder weg mit der alten Breze, her mit dem Hirsekringel. Vielleicht ist die Steckdose dann irgendwann gar nicht mehr so interessant, wenn wir ihr keine Beachtung mehr schenken!

7. Die Welt der Prinzipien
Es gibt wenige Erziehungstipps, die ich aus Büchern übernehme. Dennoch orientiere ich mich gerne an Largo`s Ansatz der positiven Verstärkung bei erwünschtem und negativer Verstärkung sowie Ignorieren bei unerwünschtem Verhalten (s. Buch Babyjahre S. 31f.).  Auch Zimbardo`s Erläuterungen zu Erziehungsstilen finde ich weitestgehend nachvollziehbar. Somit haben Forscher nachgewiesen, dass das Temperament der Kinder eine wichtige Rolle spielt.
"Das Temperament von Kindern kann dazu führen, dass die besten (und schlechtesten) Erziehungsbemühungen der Eltern unerwartete Konsequenzen haben."  Der autoritative Erziehungsstil wird hier als einer beschrieben, der zu einer effektiven Eltern-Kind-Beziehung führt (s. Buch Psychologie, S. 393). Wobei sich hier für mich die Frage stellt, was denn eigentlich genau unter einer funktionierenden Eltern-Kind-Beziehung verstanden wird!? Es ist immer alles eine Frage der Definition…

8.  Die Stilfrage
Da bleibt sie offen stehen, die Frage nach dem richtigen Erziehungsstil. Aus meiner Sicht gibt es ihn einfach nicht. Mein Stil passt für mich gerade zu meinem Kind. Wir kommen so hervorragend miteinander aus. Das kann bei euch ganz anders laufen. Steht dazu!

Ich halte mittlerweile rein gar nichts mehr von all den gut gemeinten Ratschlägen à la „Warum unsere Kinder Tyrannen werden". Für mich ist einfach nur wichtig, dass ich für Theo ein gutes Vorbild bin.  
Und das mache ich überwiegend aus dem Bauch heraus, der ihn 40+1 Wochen in sich trug.  

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